Reimagine Places
Städte sind komplexe Lebensräume – dynamische Gefüge aus sozialen Beziehungen, ökologischen Prozessen, wirtschaftlichen Aktivitäten und physischen Strukturen. Die Gesundheit der Menschen und der urbanen Ökosysteme entsteht in „Places“ im umfassenden Sinn: an Orten, die gleichzeitig soziale Settings, ökologische Mikrohabitate, Mobilitätsräume, Begegnungsorte und wirtschaftliche Lebensadern sind. Orte prägen, wie Menschen sich bewegen, wie sie sich begegnen, wie sicher sie sich fühlen, wie stark sie Hitze oder Lärm ausgesetzt sind und wie gut Natur in der Stadt gedeihen kann.
Place-based Decision Making bedeutet deshalb: Wir starten nicht mit abstrakten Kennzahlen oder Verwaltungsstrukturen, sondern bei den konkreten Orten, an denen Gesundheit, Teilhabe und Lebensqualität entstehen – oder verloren gehen. Ein Quartiersplatz ist gleichzeitig sozialer Treffpunkt, Mobilitätsknoten, Klimaraum, Aufenthaltsort und potenzieller Biodiversitäts-Hotspot. Ein Schulumfeld ist zugleich Lernort, Verkehrsraum, Hitzebrennpunkt und sozialer Mikrokosmos. Ein Gehweg ist Bewegungsraum, Sicherheitsraum und Zugang zu sozialem Leben. Erst wenn diese vielschichtigen räumlichen Wirkzusammenhänge sichtbar werden, können Städte gezielt und wirksam handeln.
Genau aus dieser Perspektive ist Reimagine Spaces entstanden.
Wir sind ein Team aus Expert:innen für künstliche Intelligenz, Geodaten, nachhaltige Stadtentwicklung und nutzerzentrierte Produktgestaltung. Unsere Wurzeln liegen in Forschungs- und Praxisprojekten: von Climate-Resilience-Prozessen an Schulen über Citizen-Science-Projekte im Boden- und Biodiversitätsbereich und Entsiegelungskatastern bis hin zu Auszeichnungen wie dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis Forschung. Dabei haben wir immer wieder gesehen, dass urbane Gesundheit nicht an fehlenden Ideen scheitert, sondern an einem Mangel an transparenten, zugänglichen und vertrauenswürdigen Werkzeugen zur Analyse und Umsetzung.
In den letzten Jahren haben wir mit Schulen, sozialen Einrichtungen, kommunalen Fachbereichen, Landesbehörden und Ministerien zusammengearbeitet und mit ihnen analysiert, warum klimawirksame Maßnahmen, barrierefreie Wege, sichere Schulrouten, artenreiche Grünflächen und qualitätsvolle Aufenthaltsräume für die urbane Gesundheit so entscheidend sind – und warum es so schwer ist, diese Transformationen datenbasiert zu steuern. Und wir haben gesehen, dass viele Kommunen zwar Daten besitzen, aber kein Werkzeug, das daraus konkrete Handlungsoptionen generiert. Daten liegen oft in getrennten Systemen, sind schwer interpretierbar oder veraltet. Herausforderungen sind sichtbar, aber schwer quantifizierbar; Maßnahmen sind bekannt, aber ihre Wirkung schwer abschätzbar. Die Menschen vor Ort möchten sich an der Weiterentwicklung ihres Quartiers hin zu mehr Resileinz und Lebensqualität beteiligen, aber die Kommunikationsprozesse sind kompliziert. Beteiligung findet statt, doch nach dem Eindruck der Bürger:innen hat sie kaum Einfluss auf Entscheidungen, da die Entscheidungswege nicht nachvollziehbar kommuniziert werden.
Kommunen stehen unter Druck, schnell zu handeln – doch es fehlt die Verknüpfung zwischen dem, was Menschen in ihrem Quartier erleben, und dem, was Verwaltungen planen und realisieren können.
Daraus ist unser grundlegender Ansatz entstanden: Wir wollen Orte nicht top-down neu planen, sondern Menschen, Verwaltungen und Organisationen befähigen, Räume gemeinsam weiterzudenken. Urbane Resilienz entsteht nicht durch ein einzelnes Großprojekt, sondern durch viele kleine, ko-kreative Eingriffe. Doch dafür müssen Entscheidungswege transparent sein, Daten verständlich und Wirkungen messbar.
Unser Team zeichnet aus, dass wir Technologie, Raumwissen und Beteiligung konsequent zusammendenken. Wir entwickeln Lösungen, die auf Satellitendaten, städtischen und landesweit verfügbaren Geodaten, KI-basierter Analyse und räumlicher Modellierung beruhen, diese aber so übersetzen, dass Fachbereiche, Entscheidungsträger:innen und Bewohner:innen sie gleichermaßen verstehen und nutzen können. Wir kennen die Funktionsweise von Verwaltungsstrukturen ebenso wie moderne KI- und Dateninfrastrukturen – und wir sind geübt darin, diese Welten miteinander zu verbinden.
Obwohl Reimagine Spaces im ESA Business Accelerators Northern Germany aufgebaut wird, ist es kein traditionelles Tech-Startup. Wir arbeiten an der Schnittstelle von urbaner Transformation, Biodiversität, sozialer Teilhabe, aktiver Mobilität und klimaresilienter Stadtgestaltung. Unser Fokus ist die Frage: Wie können Städte auf der Ebene von „Places“ gesünder, widerstandsfähiger und lebenswerter werden? Unsere Antwort: durch digitale Werkzeuge, die Räume ganzheitlich betrachten, Beteiligung ermöglichen, Entscheidungswege transparent machen und es Kommunen erlauben, datenbasiert und ko-kreativ zu handeln.
Unsere Lösung ist eine digitale Plattform für place-based Decision Making, die räumliche Daten, lokale Bedürfnisse und kollaborative Entscheidungsprozesse in einem einzigen Werkzeug verbindet. Die Besonderheit besteht darin, dass wir nicht von abstrakten Verwaltungsstrukturen ausgehen, sondern von den konkreten Orten, an denen urbane Gesundheit, Teilhabe und Lebensqualität entstehen. Unsere Plattform erweitert die offene Beteiligungs- und Kollaborationssoftware Consul Democracy um raumbezogene Funktionen, KI-basierte Auswertungen und ein Flächen- und Nutzungsmangement, das speziell auf urbane Transformationsprozesse ausgelegt ist. Dadurch können Kommunen erstmals Beteiligung, räumliche Analyse und Maßnahmenplanung direkt miteinander verknüpfen.
Unsere Lösung ist neuartig, weil sie drei Ebenen integriert, die bisher getrennt voneinander liefen: erstens die Analyse räumlicher Gesundheits-, Mobilitäts- und Umweltfaktoren; zweitens die systematische Einbindung von Bürgerinnen und lokalen Akteuren; drittens die operative Koordination von Maßnahmen und temporären Nutzungen im Stadtraum. Unsere Lösung bringt sowohl eine Prozessinnovation als auch eine technische Innovation in die Gestaltung des öffentlichen Raums. Zentral ist ein digitaler Maßnahmenkatalog, den wir gemeinsam mit Städten entwickelt haben und der sowohl bauliche als auch soziale, ökologische oder temporäre Interventionen umfasst.
Die Stadt kann aus diesem Katalog jene Maßnahmen auswählen, die im Quartier umgesetzt werden sollen oder potenziell geeignet sind – von der Einrichtung zusätzlicher Fahrradstellplätze über Hitzeentspannungsmaßnahmen wie mobiles Stadtgrün bis hin zu Nachbarschaftsaktionen temporären Straßensperrungen für Straßenfeste, oder der gemeinschaftlichen Pflanzung eines Mikrowaldes. Der Katalog ist offen erweiterbar, sodass Kommunen eigene Maßnahmen, Ideen und genehmigungspflichtige Nutzungen ergänzen können. Jede Maßnahme ist mit klar definierten KPIs hinterlegt, die wir mithilfe von Geodatenanalysen, räumlichen Indikatoren und AI-gestützten Auswertungen quantifizieren.
Auf diese Weise wird sichtbar, welchen räumlichen, sozialen oder ökologischen Effekt eine Maßnahme an einem bestimmten Ort haben kann und wie verschiedene Interventionen miteinander interagieren. Die Plattform ermöglicht damit einen strukturierten Vergleich von Handlungsoptionen, simuliert deren Auswirkungen auf den konkreten Stadtraum und unterstützt die Stadt bei der Priorisierung, Kommunikation und Umsetzung. Diese Kombination aus räumlicher Datenanalyse, partizipativer Ideensammlung und operativer Flächenkoordination stellt einen neuartigen Prozess dar, der Verwaltungsabläufe beschleunigt, Entscheidungswege nachvollziehbar macht und die Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und Bevölkerung deutlich verbessert.
Die Entwicklung befindet sich im fortgeschrittenen Stadium. Ein funktionierender Prototyp liegt vor und wird derzeit in die Cloud (Azure) deployt. Für das Reallabor passen wir die Plattform gezielt auf den Ort vor dem Ludwig-Erhard-Haus in der Fasanenstraße in Berlin an. Das Gebiet bietet aufgrund seiner Mischung aus Gewerbe, Institutionen, öffentlichem Raum und Passantinnenströmen einen idealen Rahmen, um zu zeigen, wie datenbasierte Entscheidungsunterstützung und partizipative Raumgestaltung ineinandergreifen. Die Plattform ermöglicht dort, unterschiedliche Nutzungen transparent zu dokumentieren, lokale Bedarfe sichtbar zu machen und flexibel zu steuern, wie Flächen temporär aktiviert oder konfliktarm gemeinsam genutzt werden können.
Ein besonderer Mehrwert ergibt sich durch das integrierte Flächen- und Nutzungsmanagement: Temporäre Nutzungen, Veranstaltungen, Außengastronomie, Lieferzonen, Pop-up-Angebote oder Ruhebereiche lassen sich mit Hilfe des Tools koordinieren, kommunizieren und mit räumlichen Gesundheits- und Verkehrsindikatoren abgleichen. Dies erleichtert es dem Bezirk, den öffentlichen Raum flexibel zu bespielen, Nutzungskonflikte frühzeitig zu erkennen und Flächen so einzusetzen, dass sie die Aufenthaltsqualität, soziale Teilhabe und städtische Resilienz stärken. Die Plattform hilft somit nicht nur bei planerischen Grundsatzentscheidungen, sondern unterstützt auch das alltägliche Management und die operative Steuerung des Raums.
Durch die Verbindung von räumlicher Analyse, Beteiligung und intelligenter Flächenkoordination trägt unsere Lösung dazu bei, den Standort lebendiger, vielfältiger und kooperativer zu gestalten. Sie schafft transparente Entscheidungswege, stärkt das Miteinander vor Ort und ermöglicht eine nachhaltige Nutzung der Flächen, die sowohl den Bedürfnissen der Nutzerinnen als auch den strategischen Zielen des Bezirks entspricht.
Unsere Lösung leistet einen unmittelbaren Beitrag zur urbanen Gesundheit, indem sie Orte, ihre Nutzung und ihre Auswirkungen auf das tägliche Leben sichtbar, verständlich und gestaltbar macht. Die Plattform zeigt auf, wie sich Temperatur, Grünanteil, Barrieren, Wegequalität oder Aufenthaltsqualität auf konkrete Places im Quartier auswirken und welche Maßnahmen zu mehr Wohlbefinden, Teilhabe und ökologischer Qualität führen. Damit schafft sie eine neue Transparenz darüber, wie urbane Gesundheit entsteht und wo gezielte Interventionen im Alltag der Menschen spürbare Verbesserungen erzeugen können.
Sie stärkt den Standort, indem sie lokale Akteure – Verwaltung, Anwohnende, Gewerbe, Bildungseinrichtungen – zu aktiven Mitgestaltenden macht. Die Plattform integriert sich direkt in den öffentlichen Raum: Über digitale Karten, ortsbezogene Hinweise, QR-Codes im Gebiet und ein mobiles Interface können Nutzerinnen konkrete Orte kommentieren, Maßnahmen anstoßen oder Feedback geben. Gleichzeitig ermöglicht sie der Verwaltung, Potenziale schneller zu erkennen, Maßnahmen zu priorisieren und ihre Wirkung über klar definierte Kennzahlen zu überwachen. Die Plattform unterstützt so eine neue Form der kooperativen Stadtentwicklung, bei der Wissensbestände, Alltagserfahrungen und Verwaltungsprozesse zusammengeführt werden.
Ökologisch trägt die Lösung dazu bei, Hitzeinseln zu reduzieren, Biodiversität zu stärken, Entsiegelungspotenziale zu erschließen und klimaresiliente Mikroorte aufzubauen. Die Wirkungen geplanter Maßnahmen werden auf Basis von Geodaten modelliert: Wie verändert zusätzlicher Schatten die Aufenthaltsqualität? Welche Barriere wirkt am stärksten limitierend? Wie beeinflusst eine Entsiegelung den Grünflächenanteil? Die Plattform macht diese Wechselwirkungen sichtbar und schafft die Grundlage für nachhaltige Entscheidungen.
Sozial verbessert sie Teilhabe, Sicherheit und Zugänglichkeit. Sie zeigt, wo Barrieren Mobilität einschränken, wo sozialräumliche Konflikte entstehen oder wo die Aufenthaltsqualität gering ist – und welche Maßnahmen hier wirken können. Durch die konsequente Einbindung der Bewohnerschaft entsteht ein gemeinsames Verständnis von Bedürfnissen und möglichen Lösungen. Die Plattform macht Entscheidungswege nachvollziehbar, stärkt Vertrauen und ermöglicht Beteiligung auch für Menschen, die sonst kaum Zugang zu planerischen Prozessen haben.
Ökonomisch stärkt sie eine effizientere Nutzung des Stadtraums: Temporäre Nutzungen, wie Straßenfeste, Pop-up-Grün, Fahrradstellplätze oder Gemeinschaftsaktionen, können frühzeitig koordiniert, genehmigt und transparent dokumentiert werden. Dadurch werden Flächen besser ausgelastet, Konflikte reduziert und Planungsprozesse beschleunigt. Für Unternehmen entsteht ein attraktiveres Umfeld durch bessere Aufenthaltsqualität, höhere Besucherfrequenz und ein sichtbares Engagement der Stadt für Gesundheit und Lebensqualität. Für die Stadt entstehen effizientere Planungsprozesse, da Maßnahmen nach klaren Kriterien priorisiert und deren Wirkungen nachvollziehbar bewertet werden. Durch die digitale Koordination von Flächennutzungen, Beteiligungsprozessen und urbanen Interventionen werden Doppelstrukturen vermieden und Investitionen zielgerichteter eingesetzt. Durch die digitale Unterstützung bei der Bearbeitung der Anfragen wird der Bearbeitungsaufwand für die Stadt geringer und damit günstiger.
Die Interaktion der Nutzerinnen mit der Plattform stützt sich auf das erprobte Rechte- und Rollenkonzept der Open-Source-Plattform Consul Democracy, das wir auf die Anforderungen von Quartieren und Verwaltung zugeschnitten haben. Bürgerinnen können Maßnahmen initiieren, kommentieren oder unterstützen, während die Verwaltung strukturierte Prüfprozesse und klare Entscheidungspfade erhält. Für temporäre Nutzungen prüft die KI automatisch, ob formale Anforderungen erfüllt sind, weist auf fehlende Angaben hin und erleichtert damit Genehmigungen ebenso wie transparente Ablehnungen.
Im Reallabor testen wir, wie sich Beteiligung so gestalten lässt, dass auch Kinder, Menschen mit Leseschwierigkeiten oder Sprachbarrieren aktiv teilhaben können: durch intuitive Oberflächen, Visualisierungen, klare Sprache und automatische Übersetzungen. Beteiligung nicht nur als formale Pflicht, sondern als niedrigschwellige, selbstbestimmte Mitgestaltung des öffentlichen Raums. So entsteht ein System, das nicht nur effizientere Entscheidungen ermöglicht, sondern auch die Vielfalt der Stadtgesellschaft stärker einbindet. Es verbindet Verwaltung und Stadtgesellschaft nicht nur, sondern ermöglicht, Räume gemeinsam weiterzuentwickeln und gesündere, resilientere Quartiere zu gestalten.
Für die Entwicklung des initialen Prototyps stehen uns derzeit Mittel aus dem ESA Business Incubation Programm zur Verfügung. Diese Förderung ermöglicht uns, die technische Grundlage des Systems aufzubauen, zentrale Funktionen zu implementieren und die Plattform für den Einsatz im Reallabor vorzubereiten. Damit ist die Realisierung eines voll funktionsfähigen, ortsbezogenen Prototyps gesichert.
Darüber hinaus sind aktuell keine weiteren externen Ressourcen oder Fördermittel gebunden. Wir bereiten jedoch parallel Anträge für passende Förderprogramme vor – unter anderem im Bereich kommunaler Digitalisierung, klimawirksamer Stadtentwicklung und Beteiligungsplattformen – und evaluieren zusätzliche Finanzierungsmöglichkeiten für den Übergang vom Prototyp zur skalierbaren Anwendung.
Der voraussichtliche Realisierungsrahmen für die Weiterentwicklung über den Prototyp hinaus hängt wesentlich vom Umfang des geplanten Einsatzes im Reallabor ab. Für die Stabilisierung der Plattform, die Durchführung der Evaluation vor Ort und notwendige Anpassungen rechnen wir grob mit einem fünfstelligen Finanzierungsbedarf. Diese Einschätzung basiert auf Erfahrungswerten aus vergleichbaren digitalen Stadtentwicklungsprojekten und wird im Projektverlauf weiter präzisiert.
Mit der bestehenden ESA-Förderung ist der Start gesichert; mit der Teilnahme an der 100m Zukunft Challenge möchten wir die Grundlage schaffen, das System gemeinsam mit den Partnern vor Ort zu erproben und anschlussfähige Finanzierungswege zu aktivieren.
Digitale Lösung


